Rückschlag für Lufthansa-Führung

  • Panagiotis Koutoumanos
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Bund reduziert schon in den kommenden Wochen seinen Anteil am MDax-Konzern

Frankfurt. Lufthansa-Vorstandschef Carsten Spohr schien es in den vergangenen Monaten nicht oft genug wiederholen zu können: "Wir waren eines der ersten Unternehmen, das in der Corona-Krise von der Bundesregierung gerettet wurde. Wir wollen auch eines der ersten Unternehmen sein, das die Staatshilfe ablöst. Denn wir finanzieren uns lieber am Kapitalmarkt als beim Steuerzahler", betonte der Chef von Europas größtem Luftfahrt-Konzern landauf landab.

Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Zum einen war das 6,8 Milliarden Euro umfassende Rettungspaket der Bundesregierung von der EU vor einem Jahr mit schweren Auflagen verbunden worden: das Verbot, Zinsen an Anleihen-Besitzer, Dividenden an Aktionäre, Boni an Führungskräfte zu zahlen und Wettbewerber zu übernehmen, um die langersehnte Konsolidierung der Branche in Europa voranzutreiben. Zum anderen verlangt der Bund für Rettungsgeld, das die Lufthansa in Anspruch nimmt, von ihr deutlich höhere Zinsen, als sie für den Konzern am Kapitalmarkt fällig werden: im Laufe der Jahre steigen sie von 4,0 auf 9,5 Prozent.

Derzeit steht der Konzern mit 2,5 Milliarden Euro beim Steuerzahler in der Kreide; zudem ist der Bund mit 20,05 Prozent am Konzern beteiligt. Erst wenn die Schulden getilgt und der Bund seinen Anteil komplett verkauft hat, hat der Kranich die staatlichen Fesseln abgeworfen.

Insofern könnte so mancher nun meinen, dass die gestrige Nachricht des Bundes für den Lufthansa-Vorstand eine freudige sei: Wie die Finanzagentur in Frankfurt überraschend mitteilte, wird der Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) - der in der Corona-Krise ins Leben gerufen wurde - seine Beteiligung an dem Konzern jetzt schon "über mehrere Wochen in Abhängigkeit der Marktbedingungen im begrenzten Umfang, maximal jedoch um ein Viertel (5%) reduzieren, beginnend mit dem heutigen Tag", wie es in der Mitteilung heißt.

Negatives Signal für Kapitalmärkte

Tatsächlich ist diese Nachricht für die Lufthansa-Führung alles andere als erfreulich. Denn so sehr sie grundsätzlich den Ausstieg des Bundes auch herbeisehnen mag - der Einstieg in diesen Ausstieg sollte nach der Vorstellung von Spohr und seinen Kollegen erst nach der geplanten milliardenschweren Kapitalerhöhung erfolgen - die Kapitalerhöhung, die Spohr ursprünglich noch vor der Bundestagswahl über die Bühne bringen wollte. Dass der Großaktionär jetzt schon seinen Anteil reduziert, ist für den Vorstand ein Rückschlag. Signalisiert der frühe Anteilsverkauf doch den anderen Lufthansa-Aktionären und sonstigen potenziellen Investoren, die sich an der Kapitalerhöhung beteiligen sollen, zunächst: Der Bund glaubt nicht an eine weitere schnelle Erholung des Luftfahrt-Konzerns. Er macht jetzt lieber Kasse. Entsprechend deutlich gab die Aktie des krisengeschüttelten MDax-Konzerns gestern nach: um bis zu 4,9 Prozent.

Und ohne eine erfolgreiche Kapitalerhöhung wird die Lufthansa auf absehbare Zeit kaum in der Lage sein, ihre Schulden beim deutschen Staat zu tilgen. Spohr hatte immer wieder betont, dass das Gros der Kapitalaufstockung für die Rückzahlung der in Anspruch genommenen Rettungsgelder verwendet werden soll. Anfang Mai hatte sich der Vorstand bei einer außerordentlichen Hauptversammlung von den Aktionären grünes Licht für eine Kapitalerhöhung von bis zu 5,5 Milliarden Euro geben lassen. Und Mitte Juni versuchte Spohr, Investoren mit neuen, ambitionierten Mittelfristzielen zu überzeugen. Waren Beobachter davon ausgegangen, dass der Konzern die Investoren um drei bis vier Milliarden Euro bitten würde, stellte Finanzvorstand Remco Steenbergen Anfang des Monats klar, dass eine deutlich geringere Aufstockung avisiert werde.

Staat kann satten Gewinn einstreichen

Inwieweit der Bund sich an der Kapitalerhöhung beteiligen wird, um seinen Anteil von dann rund 15 Prozent nicht verwässern zu lassen, ist nicht bekannt. Er kann jetzt trotz des gestrigen Kursrückgangs erst einmal einen satten Gewinn einstreichen, wenn er - wie gestern angekündigt - bis zu 29,9 Millionen Lufthansa-Aktien auf den Markt bringt. Insgesamt rund 300 Millionen Euro hatte der Wirtschaftsstabilisierungsfonds vor einem Jahr für seinen Anteil von 20,05 Prozent bezahlt - zum Nennwert von 2,56 Euro je Aktie. Am Freitagabend war die Lufthansa-Aktie bei 9,26 Euro aus dem Rennen gegangen. Da war das Aktienpaket des Bundes rund 1,11 Milliarden Euro wert gewesen. Nach dem gestrigen Handelsschluss waren es noch 1,07 Milliarden. Das zum Verkauf stehende Viertel des Pakets war damit knapp 267 Millionen Euro wert.

Diese Summe könnte die Regierung zwar verwenden, um sich an der Kapital-Erhöhung zu beteiligen. Denn wie die Finanzagentur gestern mitteilte, werde der WSF die Lufthansa "weiterhin entsprechend seiner Position als wesentlicher Aktionär begleiten". Aber das deutlich bessere Signal an andere Investoren wäre natürlich gewesen, dabei zusätzliches Geld in die Hand zu nehmen. Im Wahlkampf hat sich das die Bundesregierung allerdings wohl nicht getraut.

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