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Seltsame Form der Sozialpartnerschaft

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Von: Panagiotis Koutoumanos

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Tarifverhandlungen

"Wir können nicht alles über die Tarifpolitik lösen", hatte Jörg Hofmann in den vergangenen Tagen mit Blick auf die hohe Inflation von zuletzt 7,9 Prozent immer wieder gesagt - und hinzugefügt: "Die Bundesregierung muss noch mehr als bisher gegen die Inflation tun. Sie muss die Bürger mehr entlasten." Viele Beobachter hatten aus diesen Aussagen geschlossen, dass die IG Metall sich in der anstehenden Tarifrunde bescheiden werde. Heißt: nicht den vollen Inflationsausgleich für seine 2,2 Millionen Mitglieder in der deutschen Metall- und Elektroindustrie erstreiten will.

Aber nun fordert die IG Metall 7 bis 8 Prozent mehr Lohn, und das für 12 Monat. Das könnte letztlich doch einem vollen Inflationsausgleich entsprechen- wenn sich die Gewerkschaft Deutschlands mit ihrer Forderung durchsetzen würde.

Dass das der IG Metall gelingt, ist aber äußerst unwahrscheinlich. Und das weiß die Gewerkschaftsführung. Für die knapp 77 000 Beschäftigten in der Stahlindustrie hatte die IG Metall 8,2 Prozent für 12 Monate gefordert; bekommen hat sie 6,5 Prozent mehr - über einen Zeitraum von 18 Monaten. Für die Beschäftigten in der Metall- und Elektrobranche dürfte kaum so viel herausspringen. Denn während sich die Stahlbranche insgesamt einer Sonderkonjunktur erfreut, ist die Situation in den mehr als 7000 Unternehmen der M+E-Industrie sehr unterschiedlich: Während beispielsweise Autobauer Rekordmargen einfahren, darben viele Autozulieferer, weil sie die gestiegenen Kosten nicht weitergeben können.

Deshalb verwundert es nicht, dass Hofmann gestern trotz der hohen Lohnforderung erneut die Unterstützung der Bundesregierung einforderte. Zumal sich der erste Vorsitzende der IG Metall in diesem Punkt einig weiß mit dem Arbeitgeberverband Gesamtmetall. In der Hoffnung auf einen günstigen Tarifabschluss, der die Unternehmen nicht stark belastet, hat dessen Vizepräsident Arndt G. Kirchhoff am Sonntag erklärt: "Ich erwarte von der Bundesregierung, dass sie jetzt auf die Inflation mit erheblichen Entlastungen reagiert." Er begrüße daher "ausdrücklich den Vorschlag des Bundeskanzlers zu einer konzertierten Aktion".

Dies ist eine seltsame Form der Sozialpartnerschaft: In trauter Zweisamkeit scheinen Arbeitgeber und Arbeitnehmer bereit zu sein, deutliche Abstriche von der Tarifautonomie zu machen, die sie sonst gerne propagieren -, um dadurch eine Co-Finanzierung der Politik zu erreichen und somit ihre Mitglieder auf beiden Seiten zufriedenzustellen.

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