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Am Finanzplatz sind die Sorgen über einen Bedeutungsverlust der Frankfurter Börse groß.

Widerstand gegen Börsenfusion

Sitz London wird zum Stolperstein

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Droht dem Finanzplatz Frankfurt durch die geplante Börsenfusion der Deutschen Börse mit der London Stock Exchange ein Bedeutungsverlust? Pessimisten sprechen sogar von einem Ausverkauf deutscher und hessischer Interessen für den Fall, dass die künftige deutsch-britische Superbörse ihren Konzernsitz an der Themse haben sollte. Eine Zwischenbilanz fünf Wochen nach der Ankündigung einer „Fusion unter Gleichen“.

Für die Deutsche Börse, die als Betreibergesellschaft für die Frankfurter Wertpapierbörse vom Land Hessen eingesetzt ist, entpuppt sich das Mega-Fusionsprojekt immer mehr zu einem PR-Desaster. Denn die (unbestreitbaren) Vorteile dieses Zusammenschlusses werden in der öffentlichen Diskussion weitgehend ausgeblendet. Der Fokus liegt auf der Frage nach dem Sitz der neuen Börsen-Holding. Und dabei hat sich inzwischen eine klare und deutlich vernehmbare Mehrheit an Bankern, Börsianern, Verbandsvertretern aus der Finanzbranche, an Wissenschaftlern und Landespolitikern gegen die beabsichtigte Ansiedlung der Holding UK plc nach britischem Recht in London ausgesprochen.

Stellvertretend für die Bedenken am Finanzplatz Frankfurt folgende Stimmen: Gertrud Traud, Chefvolkswirtin der Helaba sagt: „Aus Frankfurter Sicht ist entscheidend, wo die Firma ihren Hauptsitz haben wird. Wenn der Hauptsitz nicht in Frankfurt wäre, wäre Frankfurt der Verlierer.“

„Es ist wichtig, dass die Holding als Obergesellschaft ihren Sitz in Frankfurt hat“, macht der Sprecher der Finanzplatzinitiative Frankfurt Main Finance, Hubertus Väth , deutlich. „Denn die Deutsche Börse steuere die wertvolleren Teile zu dem neuen Konzern bei.“

Ekkehard Kurth , der frühere Chef der hessischen Börsenaufsicht befürchtet „eine sukzessive Verlagerung des Aktiengeschäfts nach London.“

Doch auf diese Einwände reagiert die Deutsche Börse mit dem Einwand, der Sitz der Holding mit vielleicht 120 Mitarbeitern habe bei weitem nicht die Bedeutung, die ihm zugesprochen werde. Es gebe unterhalb eine Doppelstruktur mit Hauptsitzen in Frankfurt und London. Die Ängste in Eschborn und in Frankfurt als „Romantik“ abzuqualifizieren, taugt aber nicht, um mehr Anhänger für die eigenen Argumente zu gewinnen.

Derzeit liegt das Konzeptpapier, das der deutsche Börsen-Chef Carsten Kengeter und sein britischer Kollege Xavier Rolet aufgestellt haben, zur Prüfung bei der EU-Kommission in Brüssel, bei den nationalen Aufsichtsbehörden, bei den Regierungen in Berlin und London. Genehmigen muss am Ende auch die hessische Börsenaufsicht die Fusion. Die im Wiesbadener Wirtschaftsministerium von Tarek Al Wazir angesiedelte Behörde will die Papiere sorgfältig analysieren. Auch externer Sachverstand aus den Frankfurter Universitäten soll zur Unterstützung herangezogen werden. Erste Überlegungen kommen zum Schluss, dass die Komplexität des Vorgangs ein Ergebnis frühestens im Herbst erwarten lasse.

Der Fusionsversuch der Deutschen Börse mit der US-Börse Euronext NYSE war am Veto der EU-Wettbewerbshüter gescheitert. Doch der damalige hessische Wirtschaftsminister Dieter Posch (FDP) hatte die Ampel aus hessischer Sicht bereits auf „Rot“ geschaltet. Hätte Brüssel damals zugestimmt, wäre der Deal in Wiesbaden verboten worden.

Den amtierenden Wirtschaftsminister Al Wazir von den Grünen als Leichtgewicht zu unterschätzen, wäre sicher fehl am Platz. Auch die tatkräftige (finanzielle) Unterstützung von Al Wazirs „FinTech-Initiative“ für das Rhein-Main-Gebiet durch Börsen-Chef Kengeter höchstpersönlich kann zwar für einen unverkrampften Umgang miteinander sorgen, aber sicher keine Entscheidung dieser Tragweite beeinflussen. Al Wazir hat bereits klar gemacht: „Auch der Sitz einer neuen Holdinggesellschaft wird Teil der Analyse sein.“ Die Börsenaufsicht hat zu prüfen, „ob durch den geplanten Zusammenschluss der Betrieb oder die angemessene Fortentwicklung des Börsenbetriebs am Standort Frankfurt beeinträchtigt werden könnte.“

Die Frage unseres Lesers Günter Barthel nach den Folgen eines Austritts der Briten aus der EU („Brexit“) für die Fusion beantwortet das Fusionspapier mit einer eigens dafür eingesetzten Arbeitsgruppe, die einen „Plan B“ erstellen wird. Sollte Großbritannien nach dem Referendum als Nicht-Euroland auch der EU den Rücken kehren, dürfte London als Sitz der Börsen-Holding nicht mehr zu halten sein. Darüber sind sich alle Experten einig. Doch das heißt nicht automatisch, dass es Frankfurt wird. Im Gespräch sind Alternativ-Standorte an neutralen Orten in den Niederlanden, Irland oder Luxemburg.

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