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Börsenhändler in New York

Börse

Märkte in Angst

"Finanz-Armageddon", "Zinswahnsinn", "Absturz in die Minuswelt" - die Schlagzeilen, die der Staatsanleihe-Markt derzeit macht, spiegeln den monetären Ausnahmezustand wider, der kleine Sparer ebenso umtreibt wie viele große Investoren.

Frankfurt - Rückschlüsse aus den Kursbewegungen an den Finanzmärkten zu ziehen, gleicht zuweilen dem Versuch, in einem brausenden Meer nach einem Muster zu suchen. Letztlich ist das Resultat, das sich herauskristallisiert, das Ergebnis von Angebot und Nachfrage von Menschen mit all ihren Widersprüchen. Die Preise spiegeln eine Mischung aus Emotionen, Strategien und Kalkulationen wider. Fasst man all diese Faktoren zusammen, spiegeln die Märkte gleichwohl die allgemeine Stimmung der Anleger wider. Für gewöhnlich ist diese mit Selbstgefälligkeit wohl am besten beschrieben - allzu oft werden Risiken ignoriert, bis es zu spät ist. Derzeit ist das allerdings ganz anders: Angst dominiert die Märkte, die Angst vor einem weltweiten Konjunkturabschwung, sogar vor einer Rezession in den großen Volkswirtschaften. Und diese Angst scheint täglich größer zu werden.

30 Jahre ohne Zins

Am deutlichsten wird diese Angst in dem erstaunlichen Hunger der Investoren nach der Anlageform, die seit jeher als die sicherste gilt: Staatsanleihen. So groß ist derzeit die Sehnsucht der Anleger nach Sicherheit, dass sie bereit sind, für ihr Geld, das sie Staaten mit guter Bonität leihen, nicht nur auf Zinsen zu verzichten, sondern Zinsen zu zahlen. Das traditionell wirtschaftlich starke Deutschland gehört zu den großen Profiteuren dieser Angst: Bundesanleihen - in der Finanzwelt "Bunds" genannt - finden weltweit reißenden Absatz. Für eine Bundesanleihe mit fünfjähriger Laufzeit sind die Geldgeber willens, 0,73 Prozent Zinsen zu berappen, bei einer Laufzeit von zehn Jahren immerhin 0,42 Prozent. Inzwischen ist Deutschland die größte Volkswirtschaft, deren gesamte Zinskurse negativ rentieren. 

Obwohl vergangene Woche bekannt wurde, dass das deutsche Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal geschrumpft ist, vertrauen Investoren ihr Geld der Bundesrepublik sogar für 30 Jahre an ohne Aussicht auf Rendite - zumindest wenn sie die 30-Jahres-Anleihe bis zur Fälligkeit halten. Gleiches gilt für Schuldverschreibungen der wirtschaftlich gesunden Niederlande. Noch ungewöhnlicher sieht es bei Staatsanleihen der reichen Schweiz aus: Die Eidgenossen brauchen selbst für 50-Jahres-Anleihen keinen Zins zu zahlen.

Und das Null-Zins-Phänomen beschränkt sich nicht auf die Eurozone: Laut "ICE Data Indices" weisen derzeit Anleihen im Wert von 16 Billionen US-Dollar eine negative Rendite aus. Das sind 27 Prozent des globalen Anleihe-Marktes - wobei fast ausschließlich Staats-, nicht Unternehmenspapiere betroffen sind. Wer da eine hohe Rendite erwirtschaften will, muss sich auf die sprichwörtliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen begeben: Weniger als drei Prozent der weltweiten Anleihen rentieren über der Fünf-Prozent-Marke - eine gefährdete Spezies. Selbst in der Finanzkrise waren es knapp 16 Prozent. Klar, dass Investoren heute einiges riskieren müssen, um mit Anleihen Geld zu verdienen: Selbst das hochverschuldete, politisch instabile Italien kann sich für zehn Jahre Geld leihen und dafür nur 1,5 Prozent Zinsen zahlen.

Böses Omen

Die USA - der größte und wichtigste Anleihemarkt - bewegen sich trotz deutlicher Renditerückgänge zwar noch außerhalb der Negativ-Zins-Welt. Aber im Land der unbegrenzten (Un-)Möglichkeiten ist in der vergangenen Woche etwas passiert, was die Angst vieler Marktteilnehmer weiter schürt: Dort ist die Zinskurve - also die Steigung bei den Zinssätzen, die von der US-Regierung für verschiedene Laufzeiten bezahlt werden - plötzlich auf den Kopf gestellt worden. 

Heißt: Für eine US-Anleihe über zwei Jahre erhalten die Investoren einen höheren Zins als für eine US-Anleihe mit einer Laufzeit von zehn Jahren. Zum ersten Mal seit 2007. "Inverse Zinsstruktur" heißt das im Fachjargon. Umgangssprachlich könnte man von einer "verkehrten Zinswelt" reden: Normalerweise erhält ein Geldgeber desto so höhere Zinsen, je länger er sein Geld verleiht. Denn wer weiß schon, was in all diesen Jahren passieren kann?

So gilt diese Inversion denn auch als ein überaus wichtiger Indikator für eine nahende Rezession. Seit dem Zweiten Weltkrieg folgte in den USA auf eine inverse Zinskurve stets ein wirtschaftlicher Einbruch. Kein Wunder also, dass vergangene Woche die Börsen von der Rückkehr dieses Phänomens zusätzlich durchgerüttelt wurden. Seitdem das gefürchtete R-Wort wieder die Runde macht, sind die Börsen ohnehin auf Tauchstation gegangen. In den vergangenen vier Wochen gab der Dax rund sechs Prozent nach; drei Prozent hat der US-Leitindex S & P 500 in diesem Zeitraum verloren.

"Die Zinskurve ist der beste Gradmesser im Markt", sagt Robert Michele, Investment-Chef bei der Vermögensverwaltung von JPMorgan, der größten US-Bank, "ihre Präzision ist geradezu unheimlich". Und nach Aussage von Jim Reed von der Deutschen Bank ist die Inversion bei den zwei- und zehnjährigen US-Anleihen "die Inversion, die mich am stärksten beunruhigt. Wenn es darum geht, eine bevorstehende Rezession vorauszusagen, weist sie die beste Erfolgsbilanz über alle Zyklen hinweg auf". Auch andere Preisentwicklungen am Finanzmarkt tragen zur Besorgnis vieler Experten bei:

Der als sichere Hafen geltende US-Dollar hat zuletzt gegenüber vielen Währungen zugelegt; der Goldpreis hat ein Sechs-Jahres-Hoch erreicht; und der Ölpreis ist auf unter 60 Dollar pro Fass gesunken, obwohl der Iran im Golf mehrere Öltanker beschlagnahmt hat. Und dass die Industrieproduktion Chinas so schwach wächst wie seit 2002 nicht mehr, trägt auch nicht dazu bei, Optimismus zu wecken. Ebenso wenig wie der Umstand, dass am vergangenen Donnerstag die Rendite der 30-Jahres-Anleihe aus den USA zum ersten Mal überhaupt auf unter zwei Prozent gerutscht ist.

Zu den Auslösern dieser Entwicklungen und der damit verbundenen Angst gehören natürlich die politischen Unsicherheiten: Da geht es auch um den Brexit, aber noch stärker um den erbitterten Handelsstreit zwischen den USA und China, der sich immer weiter zuspitzt und auch die Devisenmärkte in Atem hält. Anfang August hat US-Präsident Donald Trump den Streit trotz einer neuen Verhandlungsrunde verschärft und angekündigt, auf Importe aus China im Volumen von 300 Milliarden Dollar einen zehnprozentigen Sonderzoll zu erheben. China will im Gegenzug keine Agrarprodukte mehr aus den USA importieren. 

Der Freihandel zwischen den beiden Ländern käme damit komplett zum Erliegen. Dabei ist "der Einbruch des Handels zwischen den USA und China bereits jetzt größer als während der Finanzkrise", sagt Tim Drayson, Chefökonom bei Legal and General Investment Management. In der globalisierten Welt mit ihren Verflechtungen und Lieferketten würde das die Wirtschaft hart treffen. Und da große Investitionen kaum rückgängig zu machen sind, halten sich die Unternehmen derzeit mit Ausgaben zurück. Das belegt eine Untersuchung von JP Morgan, kommt aber auch in Messgrößen wie dem deutschen Ifo-Index und in der Produktionsleistung zum Ausdruck.

729 Zinssenkungen

Bislang scheint eine Rezession allerdings noch weit entfernt zu sein. Die globale Wirtschaft wächst nach wie vor - wenn auch deutlich langsamer als in den Vorjahren. Zu verdanken ist das vor allem dem privaten Konsum, besonders dem in den USA, dem wohl stärksten Wachstumsmotor der Weltwirtschaft. Hinzu kommt, dass die Arbeitsmärkte sich insgesamt erholt haben bzw. robust bleiben, die Löhne gestiegen und Kredite nach wie vor relativ günstig sind - nach den 729 (!) Zinssenkungen, die die Notenbanken rund um die Erde seit der Finanzkrise 2008 vorgenommen haben.

Notenbanken reagieren

Und diese 729. Zinssenkung wurde im Juli von niemand Geringerem als der mächtigen US-Notenbank vorgenommen - als Reaktion auf die sich verschlechternden Wirtschaftsdaten. Es war die erste Zinssenkung der Federal Reserve (Fed) seit dem Beginn der Welt-Finanzkrise im Jahr 2008 und eine klare Kehrtwende in ihrer Geldpolitik: wieder weg von höheren hin zu niedrigeren Zinsen. Marktteilnehmer gehen davon aus, dass diesem Schritt der Fed noch in diesem Jahr weitere folgen werden.

An den Märkten für Zinsterminkontrakte ist sogar ablesbar, dass Händler zum Teil mit bis zu drei weiteren Zinssenkungen bis Jahresende rechnen. Das hieße, dass die Fed schon im September die Zinsschraube nach unten dreht. Auch von der Europäische Zentralbank (EZB) erwarten die Märkte, dass sie infolge der schwächelnden Konjunktur und entsprechend niedriger Inflation in der Währungsunion im kommenden Monat das nächste Kapitel in Sachen geldpolitischer Lockerung aufschlagen wird - und dabei nicht nur den negativen Einlagenzins für Banken weiter senkt, sondern auch ihr Anleihekaufprogramm wieder aufleben lässt. Was die Renditen der Euro-Anleihen weiter nach unten drücken wird. 

Anders als so manches Finanzinstitut und -Magazin den Sparern hierzulande weismachen wollen, hat dies allerdings nichts mit "geldpolitischem Zinssadismus" des italienischen EZB-Präsidenten Mario Draghi zu tun. Natürlich hat jede Notenbank einen gewissen Spielraum. Aber wie Joachim Fels von der Fondsgesellschaft Pimco zutreffend schreibt: "Die Zentralbanken sind nicht die Schurken, sondern die Opfer fundamentaler Kräfte, die hinter den niedrigen und negativen Zinsen wirken." Vielmehr setzen sie ihren Leitzins so, dass er zu den fundamentalen Verhältnissen in der Wirtschaft passt. - und für die EZB heißt das: in der Wirtschaft der Eurozone, nicht der eines einzelnen Mitgliedsstaates.

Spekulanten treiben die Renditen weiter nach unten

Privaten Anlegern, die Geld in Staatsanleihen stecken, obwohl diese keinen Zins abwerfen, tun dies zumeist, weil sie befürchten, im Fall einer Rezession mit Aktien noch mehr Geld zu verlieren. Manche professionelle Investoren - beispielsweise Pensionsfonds - müssen dagegen in Staatsanleihen investieren, die als sehr sicher gelten, weil sie entsprechende regulatorische Vorschriften befolgen müssen.

Viele Großinvestoren spekulieren aber auch bei Anleihen auf Kursgewinne. Denn Anleihen werden wie Aktien an den Märkten gehandelt. Und da gilt: Renditen und Kurse laufen in die entgegengesetzte Richtung. Sprich: Fallen die Renditen der Anleihen, steigen deren Kurse an den Finanzmärkten. Die Logik hinter dieser gegenläufigen Entwicklung: Festverzinsliche werden - wie der Name andeutet - mit einem festen Zins, dem sogenannten Kupon, verkauft. 

Käufer der Titel bekommen dann jedes Jahr die vorher vereinbarte Rendite ausgezahlt. Wenn sich nun das generelle Zinsumfeld an den Märkten ändert, wirft die jeweilige Anleihe immer noch den gleichen vorab festgelegten Kupon ab. Über den aktuellen Kurs wird dann die Anleihe an das Marktniveau angepasst. Und wenn die Zinsen an den Märkten fallen, steigt also automatisch der Kurs des jeweiligen Papiers. Den im Vergleich zum Marktzins höheren Kupon müssen die Anleger über einen höheren Kurs einkaufen.

Und genau das ist seit einiger Zeit zu beobachten: Die Kurse von Bundesanleihen und anderen Staatsschuldtiteln schießen kräftig in die Höhe. Und so kommt es zu dem scheinbaren Paradox, dass man auch in der Null- beziehungsweise Minuszins-Ära mit Staatsanleihen kräftig Geld verdienen kann. Besonders mit Papieren langer Laufzeit - denn da schlagen sich die Änderungen des Marktzinsumfelds besonders kräftig im Kurs nieder.

Manche Experten erinnern die steilen Kurscharts fast schon an heiße Technologiewerte zur Jahrtausend-Wende. Aber bislang hält das die Spekulanten offenbar nicht davon ab, weiteres Geld in Staatsanleihen zu stecken. Hier findet anscheinend die "greater fool theory" Anwendung. Demnach ist es lohnenswert, bereits überteuerte Vermögenswerte zu kaufen, weil sich zu einem späteren Zeitpunkt noch ein größerer Dummkopf findet, der bereit ist, dafür noch mehr zu zahlen. Positive Rückkoppelungseffekte sorgen dann dafür, dass das länger so bleibt, als die meisten Investoren sich das vorstellen konnten. 

Von Panagiotis Koutoumanos

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