Kein Blick füreinander: die US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump und Hillary Clinton bei einem TV-Duell
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Kein Blick füreinander: die US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump und Hillary Clinton bei einem TV-Duell

Auswirkungen der US-Wahl

Trump-Sieg gut für die Börse?

  • Thomas Baumgartner
    vonThomas Baumgartner
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Die meisten Börsianer hoffen auf einen Sieg Hillary Clintons bei der US-Präsidentschaftswahl. Doch auch ein Erfolg Donald Trumps könnte die Kurse nach oben treiben, meint ein Experte.

Viele Beobachter erwarten einen Crash an den Börsen und starke Einbrüche im Welthandel, sollte Donald Trump nächste Woche zum Präsidenten gewählt werden. Weniger skeptisch ist David Kohl, Chefvolkswirt Deutschland bei Julius Bär. Er wäre überrascht, wenn die Korrektur am Aktienmarkt nach einem Sieg Trumps länger als bis Mitte Dezember dauern würde, sagt Kohl: „Kursrückgänge bieten daher eine Kaufgelegenheit.“ Mittelfristig dürfte die Börse sogar vom Erfolg des Immobilien-Unternehmers profitieren.

Die Einschätzung überrascht, gilt der Republikaner doch allgemein als InvestorenSchreck. Kohl hält dagegen: Da Trump stark auf Steuersenkungen und Protektionismus setzen werde, dürfte das Nachfrage, Löhne und Inflationsrate in den USA nach oben treiben – ein klares Konjunkturprogramm, kein Auslöser für eine Rezession. Am stärksten wären die Auswirkungen am Finanzmarkt, in der Realwirtschaft würden sie von anderen Faktoren (wie den Unternehmensgewinnen oder dem Ölpreis) überlagert. So dürfte der Dollar gegenüber dem Euro noch stärker gewinnen und im nächsten Jahr in jedem Fall die Parität erreichen.

Ein Erfolg der Ex-Außenministerin Clinton dagegen wird nach Kohls Einschätzung nichts an den aktuell gültigen Vorhersagen ändern. Ihr Wahlprogramm sehe wenig Einmischung in die Wirtschaft vor, allenfalls falle der Faktor Unsicherheit weg. Und die Fed werde dann wie erwartet im Dezember die Leitzinsen anheben. Und falls sie Trump unterliegt? „Man könnte sagen, dann muss die Fed erst recht erhöhen.“

Hier ist beispielsweise Phil Milburn, Fondsmanager bei Kames Capital, anderer Meinung: „Sollte Clinton die Präsidentschaftswahl für sich entscheiden, ist eine Zinsanhebung wesentlich wahrscheinlicher als bei einem Wahlsieg von Trump.“

Andererseits gehen fast alle Analysten davon aus, dass Hillary Clinton gewinnen wird. „Mittlerweile ist die Vorentscheidung gefallen. Trump hat es sich mit weiblichen Wählern und Minderheiten derartig verscherzt, dass ein Wahlsieg Clintons sehr wahrscheinlich ist“, meint etwa Christoph Bruns, Mitinhaber der Aktienfondsboutique LOYS. Auch hier bleibt Kohl vorsichtig – vor allem, nachdem die neuen FBI-Ermittlungen wegen Clintons E-Mails das Rennen laut Umfragen wieder offener gemacht haben. „Das hatte ich schon befürchtet. Es bleibt dabei, dass man sich als Investor auf beide Ergebnisse vorbereiten muss.“ Für das größte Risiko hält Kohl einen möglicherweise äußerst knappen Wahlausgang, nach dem zunächst kein Sieger feststeht und der die Unsicherheit wachsen lässt.

Wahlprognosen sind in den USA schwieriger als in anderen Ländern, weil nicht die Zahl der landesweit abgegebenen Stimmen ausschlaggebend ist. Vielmehr stimmen die Bürger in den einzelnen Bundesstaaten getrennt ab, wahlentscheidend sind die wenigen „swing states“ wie Florida oder Ohio, die manchmal demokratisch und manchmal republikanisch wählen.

Als interessant für Aktien-Investoren empfiehlt Kohl die Sicherheitsbranche, die von beiden Bewerbern profitieren würde, und im Fall eines Trump-Sieges Infrastruktur-Unternehmen. Und vor allem für zwei deutsche Unternehmen könnte ein Erfolg Trumps von Nachteil sein: für VW und Deutsche Bank, die beide aktuell über Milliardenvergleiche verhandeln. Kohl: „Ein gutes Beispiel, in welcher Form man Protektionismus erwarten muss – nicht durch Zölle, sondern durch nichttarifäre Hemmnisse, etwa höhere Strafen für Ausländer.“ Auch andere Beobachter gehen davon aus, dass die Bußgelder für VW unter einem Präsidenten Trump höher ausfallen dürften. „Die Branche insgesamt würde stärker unter Druck kommen“, sagt der Autoexperte und frühere BMW-Chefvolkswirt Helmut Becker.

Als einziges Land in der Eurozone sei Deutschland stark vom Außenhandel abhängig, sagt Kohl – und zumindest die Exporte in die USA könnten durch mehr Protektionismus dort leiden. Doch habe unsere Konjunktur „genug Puffer“, solange der Binnenmarkt derart robust sei. In der Schweiz laufe die Wirtschaft ebenfalls gut, meint der Julius-Bär-Volkswirt – trotz des starken (und bei wachsender Unsicherheit möglicherweise noch stärkeren) Franken, der die Exporteure hart trifft. „Auch in China kann ich keine nennenswerten Auswirkungen sehen.“ Vielleicht am stärksten verwundbar sei Mexiko, sollten durch die von Trump angedrohten Maßnahmen (Mauerbau, Abschiebung von Einwandern) die Rücküberweisungen von Mexikanern aus den USA sinken – das erschwerte die Finanzierung des Handelbilanzdefizits.

Und welche Lehre zieht Kohl aus dem Wahlkampf? Beide Kandidaten seien nach links gerückt, hin zu mehr sozialem Ausgleich statt Liberalismus – Hillary Clinton vor allem durch den Druck des Rivalen Bernie Sanders. Dadurch könnten die Gewinnmargen der Unternehmen ihren Zenit erreicht haben, meint Kohl. Die Entwicklung könne aber für mehr Stabilität sorgen, nachdem es schon zu lange in die andere Richtung, gelaufen sei, hin zu einer extrem ungleichen Einkommensverteilung.

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