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Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir besuchte gestern das künftige ?Tech Quartier? und den Frankfurter Internet-Knotenpunkt (Bild).

Neues Zentrum für FinTechs

"Wir sind spät dran"

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Bisher gilt Berlin als Nabel der FinTech-Welt in Deutschland. Ab Oktober soll das "Tech Quartier" Frankfurt als Standort für Start-Ups aus der Finanzbranche attraktiver machen. Es wurde auch höchste Zeit.

Lars Reiner ist Gründer von Ginmon – eines 2014 gegründeten Frankfurter Unternehmens, über das Anleger in ein global gestreutes, vom Roboter verwaltetes Portfolio aus Indexfonds (ETFs) investieren können. „FinTechs“ heißen solche Start-ups, die Finanzen und IT kombinieren und auf diese Art etablierten Banken Teile ihres Geschäfts streitig machen. Bisher saß die Firma im Main Incubator, einem von der Commerzbank angeschobenen Gründerzentrum im Westen Frankfurts; doch mit fast 20 Mitarbeitern wird es dort nun zu eng für Ginmon. Und auch der FinTech Hub der Deutschen Börse im Osten Frankfurts komme nur für ganz kleine Unternehmen mit fünf oder sechs Mitarbeitern in Frage, sagt Reiner.

Doch nun hat er eine neue Adresse gefunden: Im Oktober eröffnet im Hochhaus „Pollux“ zwischen Hauptbahnhof und Messegelände das neue „Tech Quartier“ – und dort will er einziehen.

Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir besuchte gestern dieses künftige Gründerzentrum für junge Finanztechnologie-Unternehmen, das auf eine Initiative seiner Behörde hin entsteht. Noch sind die Räume Baustelle, in einigen türmen sich Müllsäcke und herausgerissene Gipsplatten. Aber der Grünen-Politiker sieht das Fintech-Zentrum bereits als „Schritt hin zu unserem Ziel, Frankfurt zu einem international führenden Standort auf diesem Gebiet zu entwickeln“. Das „Tech Quartier“ werde Anlauf- und Koordinationsstelle sein und allen Akteuren des Finanzplatzes offenstehen: „Am Ende werden alle stärker, wenn man zusammenarbeitet.“ Existenzgründern soll es insbesondere den Austausch mit etablierten Unternehmen, Beratern und Investoren ermöglichen.

„Dass es am Finanzplatz große Veränderungen bei traditionellen Geschäftsmodellen und der Art von Finanzdienstleistungen geben wird, ist klar. Deshalb haben wir viel Energie hineingesteckt, um die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Neues hier in Frankfurt entsteht“, sagt Al-Wazir. Auch wenn solche Firmen voll digital arbeiteten: „Am Ende braucht es einen Ort, wo man sich trifft und auch mal Party machen kann.“

Betreiber des Zentrums sind bisher die Wirtschafts- und Infrastrukturbank (WI-Bank) Hessen und die Frankfurter Goethe-Universität; die Stadt Frankfurt soll der Gesellschaft noch beitreten. Ab 240 Euro monatlich sind Arbeitsplätze im Großraumbüro (neudeutsch: „open space“) zu mieten, mehr Privatsphäre in eigenen Büros ist allerdings teurer. Zunächst hat man für siebeneinhalb Jahre 114 Arbeitsplätze in der 2. Etage des Hochhauses angemietet, eine Erweiterung ist in dem weitgehend leerstehenden Gebäude (dort sitzen noch zwei Anwaltskanzleien, ein Versicherungsmakler und der Espresso-Röster Lavazza) wäre möglich. Außer Büros wird es auch ein „TechLab“ zum Testen von Anwendungen geben, Events (wie ein „Hackaton“) und Bildungsprogramme runden das Angebots-Paket ab.

Das Geld für den Betrieb sollen – neben den Mietern – Sponsoren und Partner aufbringen. Der Wirtschaftsminister: „Wir sind im Zweifel zu einer Anschub-Finanzierung bereit – aber wenn Staatsgeld nicht nötig ist, ist es doch super.“

Zwar unterstreicht Michael Reckhard, Mitglied der Geschäftsleitung der WIBank: „Das ist keine Konkurrenz-Veranstaltung zu Berlin oder London.“ Auch Tech-Quartier-Geschäftsführer Sebastian Schäfer muss zugeben: „Wir sehen Frankfurt nicht auf den vorderen Plätzen der Ranglisten der Gründer-Communitys.“

Aber natürlich hat auch Frankfurt Pfunde, mit denen es wuchern kann und will: Als wichtigster Finanzplatz Kontinentaleuropas und Sitz vieler Banken, aber auch der Finanzaufsicht (BaFin und EZB) ist der Standort attraktiv für Existenzgründer, die die Nähe zu den Platzhirschen suchen. Beispielsweise wird das genossenschaftliche Spitzeninstitut DZ Bank das Zentrum unterstützen. Vorstand Bernd Hille hebt „den Anschluss an die Community und die Nähe zu den Aufsichtsbehörden“ hervor: „Das kann Berlin nicht bieten.“

„Wir sind spät dran“, sagt auch der für IT zuständige ING-DiBa-Vorstand ?eljko Kaurin: „Zurzeit ist Berlin attraktiver – weil wir hier noch nichts hatten. Aber wir werden aufholen.“ Die Direktbank will als Sponsor des „Tech Quartiers“ sowohl die Entwicklung der FinTech-Branche insgesamt anschieben als auch junge Unternehmen in Frankfurt mit Know-how und dem eigenen internationalen Netzwerk fördern. „Wir profitieren heute bereits von der Zusammenarbeit“, sagt Kaurin. Ein Beispiel sei der Hypothekenvermittler Interhyp – die ING-DiBA hatte im Immobilienkreditgeschäft stark von dem Start-up profitiert und ihn schließlich übernommen.

Die Bank arbeite mit weltweit 45 FinTechs zusammen – doch nur drei davon stammten aus Deutschland. Kaurin mahnte, man dürfe junge Talente nicht immer ins kalifornische Silicon Valley ziehen lassen, sondern müsse sie versuchen zu halten. Auch das Innovationszentrum der Direktbank wird im November dieses Jahres ins „Pollux“ ziehen, und zwar mit 120 Mitarbeitern ins 4. und 5. Stockwerk.

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