„Wir sind weder Faulenzer noch Diebe“

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Nach mehr als fünf Jahren schwerer Wirtschaftskrise spüren in Griechenland auch viele Familien, die früher der Mittelschicht angehörten, große soziale Not. Aber der Staat kann ihnen kaum helfen. Umso wichtiger ist dort die Arbeit von Hilfsorganisationen wie „SOS Kinderdörfer“. Allerdings leiden diese selbst unter der Krise – und das gleich doppelt.

Wehmütig denkt Dimitris Tzouras an die guten alten Zeiten. Die Zeiten, in denen seine Familie und er noch ein selbstbestimmtes Leben führten. Als sie es sich noch leisten konnten, einmal die Woche für 60, 70 Euro im Supermarkt einzukaufen, wie der heute 54-Jährige erzählt.

Die guten alten Zeiten – das war vor 2011. Als der Versicherungskaufmann noch als Freiberufler bei einer privaten Gesellschaft arbeitete und – erfolgsabhängig bezahlt – es zuweilen bis auf ein Brutto-Monatsgehalt von circa 2200 Euro brachte. Damit lag er über dem damaligen griechischen Durchschnittseinkommen von 1929 Euro. „Mein Gehalt war mehr als ausreichend“, bestätigt Dimitris, „damals reichte es sogar für eine kleine Urlaubsreise im Jahr, auf eine der griechischen Inseln. Inzwischen unvorstellbar.“

Inzwischen ist Dimitris seit fast vier Jahre arbeitslos – wie rund 25 Prozent aller Griechen. Auch sein Lebensentwurf ist der Schuldenkrise des Landes zum Opfer gefallen. Das Datum, an dem sein Leben sich schlagartig veränderte, hat sich ihm tief eingebrannt: Der 1. Juni 2011, der Anfang vom Ende. „110 Beschäftigte zählte die Versicherungsgesellschaft“, erzählt er, „von einem Tag auf den anderen verloren wir alle unseren Job.“ Keine Abfindung, keine Auffanggesellschaft. Und weil er nicht fest angestellt war, hatte er auch keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld, das in Griechenland maximal ein Jahr gezahlt wird. Eine Grundsicherung wie Hartz IV oder

Sozialhilfe gibt es nicht

. Nicht einmal eine Krankenversicherung erhalten Arbeitslose.

„Ich habe, weiß Gott, versucht, eine neue Arbeit zu finden“, versichert Dimitris, „aber in dieser Krise eine Anstellung zu finden, wenn man 54 ist, scheint unmöglich zu sein.“ Und Schwarzarbeit wolle er nicht verrichten, weil seine Familie dann unversichert bliebe. Seine Familie, das sind die 41-jährige Irini und der siebenjährige Sohn Yanis. Irini war früher als Erzieherin tätig. Aber diesen Beruf kann sie schon lange nicht mehr ausüben – aufgrund schwerer organischer Probleme gilt sie als schwerbehindert. Auch der kleine Yanis ist nicht gesund – er leidet unter psychischen Störungen.

„Nach dreißig Jahren Arbeit von einem Tag auf den anderen plötzlich ohne Geld da zu stehen, das war ein Schock“ erinnert sich Dimitris. Auf 40 Euro im Monat beschränken sich seitdem die staatlichen Transferleistungen – das Kindergeld für den kleinen Yanis. Wie die Familie da über die Runden kommt? Dimitris lächelt bitter: „Glücklicherweise haben wir das Haus meiner Eltern geerbt, so haben wir wenigstens ein Dach über dem Kopf.“ Der 54-Jährige sucht nach den richtigen Worten, knetet verlegen seine Finger. „Na ja, und als mein Vater noch lebte, hat er seine Rente mit uns geteilt. Heute hilft uns besonders der Bruder meiner Frau, auch Freunde helfen aus.“ Dann hellt sich seine Miene auf. „Ich bin erstaunt über die Solidarität, die wir in unserer Not erfahren.“

Aber allein mit der Solidarität von Verwandten und Freunden hätten er und seine Frau diese schweren Jahre nicht durchstehen können, räumt Dimitris ein – weder finanziell noch psychisch. „Ich weiß nicht, wie wir das ohne die Hilfe der ,SOS Kinderdörfer’ geschafft hätten.“

Seit dreieinhalb Jahren erhält die Familie Unterstützung von der Kinderhilfsorganisation – in deren Sozialzentrum mitten im Athener Stadtteil Kipseli, wo die Tzouras leben. In dem unscheinbaren mehrstöckigen Haus bekommen sie nicht nur Kleidung und Nahrungsmittel. Die Eltern erhalten dort auch Hilfestellung in allen sozialen Angelegenheiten, werden psychologisch betreut. Und Logopäden und Ergotherapeuten kümmern sich um Sohn Yanis, der große Probleme in der Schule hat.

Etwas mehr als 200 Familien betreut derzeit das Athener Sozialzentrum – „und zwar alle auf diese ganzheitliche Weise“, wie Menelaos Tsaoussis, Leiter des Zentrums, betont. „Essen ausgeben und finanzielle Unterstützung leisten, das tun auch andere Einrichtungen. Aber mit unseren Sozialarbeitern, Pädagogen, Psychologen, Kinder-Psychiatern und Logopäden bieten wir das ganze Hilfsspektrum an, das bedürftigen Familien helfen kann, ihr Leben zu meistern.“

Und derer gibt es in Griechenland nach mehr als fünf Jahren schwerer Krise – in der Wirtschaft und Gehälter deutlich geschrumpft und die Arbeitslosigkeit hochgeschnellt ist – viel zu viele. Nach EU-Angaben lebt inzwischen ein Drittel der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze, welche in Griechenland für einen Drei-Personen-Haushalt bei einem Einkommen von 549 Euro netto liegt. Zum Vergleich: In Deutschland wird die Armutsgrenze derzeit mit 979 Euro im Monat definiert – wobei die Lebenshaltungskosten in Griechenland insgesamt nur leicht unter denen hierzulande liegen.

Entsprechend gefragt ist die Unterstützung von Hilfsorganisationen wie der im Jahre 1949 vom österreichischen Philanthropen Hermann Gmeiner gegründeten „SOS-Kinderdörfer“. „Als 2009 die Krise begann, unterhielten wir in Griechenland nur zwei Sozialzentren, in denen gerade mal 50 Familien betreut wurden. Heute sind es landesweit sieben Zentren, die sich um 900 Familien kümmern, und die Wartelisten werden trotzdem länger und länger“, berichtet Sterjios Sifnios, der die Sozialarbeit bei „SOS Kinderdörfer“ leitet. Ein Sozialsystem existiere in Griechenland de facto nicht mehr, beklagt er. Dabei seien auch die Sozialzentren der „SOS-Kinderdörfer“ an ihren Belastungsgrenzen angelangt, sei die Arbeit ohne die vielen freiwilligen Helfer nicht zu schaffen. „60 Angestellte werden von rund 300 Freiwilligen unterstützt“, so Sifnios.

Sie tun alles, damit noch intakte Familien ihrem Nachwuchs eine Perspektive bieten können. Gleichwohl gibt es zunehmend Eltern, die aufgrund der Wirtschaftskrise nicht nur finanziell, sondern auch physisch und psychisch nicht mehr in der Lage sind, für ihre Kinder zu sorgen. Und so müssen schockierte Griechen – die doch so stolz sind auf den Zusammenhalt der Familie – erfahren, dass sich längst auch Eltern aus der bisherigen Mittelschicht gezwungen sehen, ihre Kinder abzugeben. Viele von ihnen klopfen auch bei den vier SOS Kinderdörfern in Griechenland an. Früher fanden dort nur Kinder von Drogensüchtigen, Alkoholikern und gewalttätigen Eltern Aufnahme. Aber angesichts der großen Not entschloss sich die Hilfsorganisation schon 2011, auch Mädchen und Jungen verarmter bürgerlicher Familien ein Zuhause zu geben.

„Krisenwaisen“

hat die griechische Gesellschaft diese Kinder getauft. Zehn dieser Krisenwaisen leben derzeit im SOS Kinderdorf Vári, südlich von Athen. Ein Ort, der mit seinen hübschen Häusern, kleinen Wegen und üppiger Vegetation tatsächlich den Eindruck einer idyllischen Dorfgemeinschaft vermittelt. Zwölf schmucke Häuser umfasst dieses Kinderdorf. Zwei davon beherbergen inzwischen die Krisenwaisen.

Die 15-jährige Maria zum Beispiel. Seit zwei Jahren lebt das Mädchen hier im Haus Nr. 8, zusammen mit seiner SOS-Mutter und vier SOS-Geschwistern. Alle haben ihr eigenes Zimmer. „Ich fühle mit hier sehr wohl“, erzählt Maria. Inzwischen schaue ich wieder optimistisch in die Zukunft.“ Natürlich vermisse sie oft ihre Eltern, aber die kämen zwei Mal im Monat zu Besuch. „Zuneigung und Geborgenheit ist, was die Kinder vor allem brauchen“, weiß ihre SOS-Mutter Efi Mami. Seit vier Jahren kümmert sich die ausgebildete Pädagogin rund um die Uhr um die ihr anvertrauten Kinder. Sie nehmen uns wirklich als Mütter an“, erzählt die 44-Jährige. „Von uns sprechen sie als ,Herz-Mama’, von ihren leiblichen Müttern als ,Bauch-Mama’.“

Marina Tsiga nickt zustimmend. 23 Jahre lang war sie „Bauch-Mamma“ in Vári. „25 Kinder habe ich in dieser Zeit großgezogen“, sagt sie. „Zu allen habe ich heute noch Kontakt – gerade jetzt in der Krise, wo sie es sehr schwer haben.“ Rund die Hälfte aller Griechen unter 25 Jahren sind arbeitslos. Das bekommen natürlich auch ihre Zöglinge zu spüren. „Sie erlernen einen Beruf, Fremdsprachen, studieren – aber sie finden keinen Arbeitsplatz“, beklagt Marina. Die 65-Jährige ist inzwischen zwar pensioniert. Aber ihr heutiger Besuch im Kinderdorf ist nicht nur privater Natur. Marina ist immer noch im Dienst der guten Sache unterwegs. Als ehrenamtliche Mitarbeiterin hilft sie nun mit ihrer reichhaltigen Erfahrung, aus den vielen Anträgen bedürftiger Familien die Kinder herauszusuchen, die Hilfe am nötigsten haben. „Eine Aufgabe, die noch viel schwieriger geworden ist als früher“, sagt Marina, „denn die Zahl der Hilfsgesuche hat sich seit dem Beginn der Krise mehr als verdoppelt. Und uns fehlt mehr denn je das Geld, um mehr Kindern ein Heim geben zu können.“

Tatsächlich leiden Hilfsorganisationen wie „SOS Kinderdörfer“, die sich ausschließlich aus Spenden finanzieren, doppelt unter der Wirtschaftskrise in Griechenland: Zum einen hat das Gros der Griechen schlicht kein Geld mehr für Spenden; zum anderen ist der hochverschuldete Staat auf der Suche nach zusätzlichen Einnahmenquellen in den vergangenen Jahren dazu übergegangen, auch karitative Vereine zusätzlich zu belasten.

„Bevor die Krise 2010 begann, kamen rund 95 Prozent unserer Gesamteinnahmen in Höhe von rund vier Millionen Euro aus dem Inland – von privaten Haushalten und Stiftungen“, berichtet Jiorgos Protopappas, Direktor der „SOS Kinderdörfer Griechenland“. „Bis dahin war der Umfang der Spenden über 20 Jahre hinweg stetig gestiegen. Aber dann bekamen auch wir zu spüren, wie schnell sich diese Krise durch die griechische Gesellschaft fraß.“ 2011 erlitt die Hilfsorganisation erstmals einen finanziellen Verlust, wie Protopappas berichtet. Die beiden darauffolgenden Jahre habe SOS Griechenland nur dank der Unterstützung anderer nationaler SOS-Organisationen überlebt.

Inzwischen steht SOS Griechenland wieder auf eigenen Füßen: Weil Protopappas die großen griechischen Stiftungen animiert hat, ihre Hilfe deutlich aufzustocken – und es der Organisation gelungen ist, viele der im Ausland lebenden Griechen als Spender zu gewinnen. „Heute stammen 45 Prozent unserer Einnahmen aus dem Ausland“, sagt der Direktor.

Allerdings sind die Erlöse den Angaben nach insgesamt deutlich zurückgegangen. Was auch darauf zurückzuführen ist, dass die fixen Einnahmen des Vereins gesunken sind. Beispielsweise die Mieteinnahmen aus den Häusern, die SOS in den vergangenen Jahrezehnten von Griechen vermacht wurden: Diese seien um beinahe die Hälfte auf 180 000 Euro geschrumpft, erzählt Protopappas. Hinzu komme, dass die geerbten Immobilien und Grundstücke immens an Wert verloren hätten, der Marktwert betrage nur noch ein Drittel des Buchwerts. „Da wäre es jetzt fahrlässig, diese zu verkaufen, um zu expandieren – so wie wir es früher getan haben“, gibt der Direktor zu bedenken.

Während Einnahmen und Vermögen gesunken sind, sind die Kosten kräftig gestiegen. Vor allem weil die frühere griechische Regierung angesichts leerer Kassen die steuerliche Belastung von karitativen Einrichtungen erhöht hat. „Seit Ende 2010 müssen wir beispielsweise unsere Spenden versteuern – das muss sonst keine einzige nationale SOS-Gesellschaft weltweit“, beklagt Protopappas, „obwohl wir damit Leistungen finanzieren, die eigentlich der Staat erbringen müsste.“ Die Mieteinnahmen würden mit 26 Prozent besteuert – wie die Einnahmen privater Unternehmen; auf Einnahmen aus dem Verkauf von Produkten wie Weihnachtskarten erhebe der Staat 40 Prozent; und natürlich sei auch für die Hilfsorganisationen die Immobiliensteuer rasant gestiegen, berichtet Protopappas. „Zahlten wird bis 2010 noch rund 30 000 Euro Steuern im Jahr, sind es seit 2011 rund 132 000 Euro jährlich.“

Nun hofft der Direktor, dass die seit Ende Januar amtierende linkspopulistische Regierung unter der Führung von Syriza-Chef Alexis Tsipras ein Einsehen mit den karitativen Vereinen hat und deren Steuerlast senkt. „In unseren Gesprächen mit Vertretern der neuen Regierung hat sich gezeigt, dass diese im Gegensatz zu ihren Vorgängern sehr wohl Verständnis für unsere Belange haben und offen sind für Steuererleichterungen. Aber zunächst einmal muss unsere Regierung natürlich eine Einigung finden mit den internationalen Kreditgebern, die das Überleben dieses Landes sichert“, sagt Protopappas.

Während die Mehrheit der Griechen auf diese Einigung hofft, hat Familienvater Dimitris Tzouras den Glauben an die Politik längst verloren. „30 Jahre lang habe ich von früh morgens bis spät abends gearbeitet und habe dabei immer meine Versicherungsbeiträge gezahlt“, erzählt Dimitris, „nun leide ich unter Gallensteinen, und man verlangt von mir 11 000 Euro für die Operation.“ Sowohl die konservative Nea Dimokratia als auch die sozialistische Pasok hätten in ihrer Regierungszeit überproportional harte Maßnahmen gegen sozial Schwache ergriffen. Auch zu der neuen Regierung habe er kein Vertrauen, sagt er. Ihr fehle ohnehin die Erfahrung – vor allem außenpolitisch – um etwas erreichen zu können. Deshalb erwarte er nicht viel von Syriza.

Er habe jedoch die Hoffnung, dass seine Geschichte dazu beitrage, das Bild der Griechen in Deutschland zum Positiven zu verändern, sagt Dimitris. „Denn ich bin sehr bekümmert über das Bild, das die Medien dort von uns entwerfen. Diese Medien fällen Urteile über uns, ohne unser Leben, unsere Probleme zu kennen. Die meisten Griechen arbeiten sehr hart. Wir sind weder Faulenzer noch Diebe. Aber unsere Arbeit wird einfach nicht sichtbar, weil dieser Staat so miserabel organisiert ist.“

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