„Wir verscherbeln keine Daten“

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Die Digitalisierung verändert die Bankenbranche, Neugründungen wollen sie aufmischen. Sind diese FinTechs eher Konkurrenten oder Partner?

Lendico oder Smava vergeben online Kredite, Weltsparen oder Savedo vermitteln per Internet Tagesgeldkonten, Number26 bietet ein Girokonto auf dem Smartphone: Investitionen in solche „FinTechs“ (eine Wortkombination aus Finanzdienstleistung und Technologie) haben sich weltweit im Vorjahr verdreifacht auf 12,2 Milliarden Dollar. Mehr als 10 000 dieser Firmen soll es mittlerweile geben. „Es handelt sich nicht um einen Hype, der bald wieder vorbei ist, sondern es wird die Bankenbranche verändern“, sagt Nils Beier von der Strategieberatung Accenture. Noch weiter geht Christian Grobe, Gründer von Zencap, eines Online-Marktplatzes für Mittelstandsfinanzierung: „In fünf bis zehn Jahren werden wir das Ende der klassischen europäischen Universalbanken sehen. Sie sind viel zu träge.“

In der Tat tut sich die Branche mit einer Antwort auf die junge Konkurrenz schwer. Paypal hat den deutschen Bankenmarkt komplett aufgemischt, wenn es um Internet-Bezahlverfahren geht. Auch Apple Pay steht in den Startlöchern – doch die deutsche Kreditwirtschaft bastelt immer noch an einem eigenen Angebot.

Aus dem angepeilten Start von „Paydirekt“ zum Weihnachtsgeschäft wird nichts, wie Sparkassen-Präsident Georg Fahrenschon gestern auf einer „Handelsblatt“-Tagung bekräftigte: „Wir legen allergrößten Wert auf Sicherheit und Qualität. Und die Endkunden werden schätzen, dass hier nicht ihre Zahlungsverkehrsgewohnheiten ausgeforscht und ihre Daten an Unbefugte verscherbelt werden.“

Fahrenschon ruft nach der Aufsicht und fordert Brüssel zum Einschreiten auf: „Europa sollte endlich aktiv werden und der Ausforschung der Kunden durch internationale Internetkonzerne und Zahlungsdiensteanbieter

Grenzen setzen

!“ Es dürfe keine Erleichterungen für Neulinge geben – „und die Alten gehen in lauter Regulierung unter.“

Das sieht Ulrich Coenen, Bereichsleiter Digitale Transformation bei der Commerzbank, ganz anders: „Großbanken müssen solche Innovationen aufnehmen und nicht zarte Pflänzchen sofort zertreten – das würde dem Standort und der gesamten Branche schaden.“ Coenen nimmt die neuen Konkurrenten ernst, sieht er doch vor allem die Gefahr, dass sie „die tief hängenden Früchte pflücken“ und Filialbanken es immer schwerer haben, ihre hohen Kosten auf den verbleibenden Geschäftsfeldern zu decken. In den Bereichen Zahlungsverkehr, Kredit oder Tagesgeld gibt es bereits mehrere Internet-Anbieter – doch auch im Investmentbanking oder der Vermögensverwaltung ist das laut Beier nur eine Frage der Zeit. Commerzbank-Chef Martin Blessing sieht „die größte Herausforderung an der Zahlungsverkehrs-Ecke“. Dagegen sei er im Kreditgeschäft skeptisch, wer am Ende eines Kreditzyklus die Verluste tragen müsse. Das kann man als Seitenhieb gegen die Zencap-Gründer sehen, die übrigens, wie auch Blessing, früher bei McKinsey gearbeitet haben.

„Wir werden uns mit viel Kraft verändern, stärker als in den Jahrzehnten zuvor“, sagt auch der Co-Vorstandschef der Deutschen Bank, Jürgen Fitschen. Die Digitalisierung sei aber nicht der Tod der Branche – diesen Gedanken teile er nicht im Ansatz: „Es gibt bei den FinTechs Ideen, die auch für uns von Nutzen sein können.“ Solche Innovationen will er dann nachbauen („selbst entwickeln“) – Coenen hingegen kann sich, ebenso wie ING-DiBa-Chef Roland Boekhout, Übernahmen gut vorstellen.

Sie mögen nicht so reaktionsschnell sein wie die Existenzgründer, klare Vorteile haben die traditionellen Banken dennoch: „Wir haben einen großen Kundenbestand und eine Menge finanzieller Ressourcen und kennen die Regulierung“, sagt Blessing. Bei Fahrenschon klingt es ähnlich: „Wir haben die meisten Kundenverbindungen, die größte Kundennähe und das höchste Kundenvertrauen.“ Dennoch macht er sich keine Illusionen: „Eine erfolgreiche Bank von morgen ist weniger eine Bank als ein unkomplizierter Alltagsbegleiter. Die entscheidende Zukunftsfrage ist, wer das am besten kann: FinTechs oder Kreditinstitute?“

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