Auch die Videos von US-Popmusikerin Rihanna können deutsche Internet-Nutzer seit gestern über Youtube abrufen.
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Auch die Videos von US-Popmusikerin Rihanna können deutsche Internet-Nutzer seit gestern über Youtube abrufen.

Einigung mit der Gema

Youtube lässt die Hüllen fallen

  • vonMirco Overländer
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Millionen Musikvideos, die deutschen Youtube-Nutzern jahrelang vorenthalten blieben, sind seit gestern auf einen Schlag abrufbar. Hintergrund ist die Beilegung eines siebenjährigen Rechtsstreits, den die Verwertungsgesellschaft Gema mit dem Streaming-Dienst führte.

Es ist eine Nachricht, die weite Teile der Musikbranche in Entzückung versetzt: Völlig überraschend gaben die Verwertungsgesellschaft Gema und die Videoplattform Youtube gestern bekannt, ihren siebenjährigen Streit über einen gemeinsamen Lizenzvertrag beigelegt zu haben. Das bedeutet: Mit einem Schlag können deutsche Youtube-Nutzer seit gestern Millionen Videoclips anschauen, die für sie zuvor gesperrt waren.

Ob Rihanna, „Die Ärzte“, Thees Uhlmann oder Elvis Presley: Wer zuvor einen Clip dieser Bands anschauen wollte, musste auf weniger populäre und meist werbefreie Videoplattformen ausweichen – oder mittels gefälschter IP-Adresse so tun, als logge er sich aus dem Ausland ein. Den Musikverlagen und Künstlern entgingen dadurch über Jahre Millioneneinnahmen, da populäre Musikvideos auf Youtube meist erst nach einer Werbe-Einblendung abgespielt wurden. „Bei neuen Videoclips kommen da über Nacht schon einige Tausend Euro zusammen“, sagt Till Schumann, der als Youtube-Content-Manager für den Hamburger Musikvertrieb „Finetunes“ arbeitet.

Laut Schumann ist die Einigung zwischen der Gema und der Videoplattform selbst für Branchenkenner eine Sensation. „Das hat so niemand kommen sehen. Da ist nichts durchgesickert“, sagt der Fachmann. Welcher Verwertungstarif künftig zum Tragen komme, wisse aber noch niemand. Gleichwohl profitierten alle Beteiligten von der nun getroffenen Einigung. „Wir können Lizenzvergütungen erheben und die Videos sind nicht mehr für den End-Nutzer gesperrt“, fasst Schumann zusammen.

Schön sei zudem, dass die nicht für möglich gehaltene Marktöffnung vor dem Weihnachtsgeschäft erfolgte. Denn im November und Dezember gäben die Unternehmen traditionell einen Großteil ihres Werbebudgets aus.

Offenbar, so mutmaßt ein Insider, sei die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte nicht ganz freiwillig auf die zu Google gehörende Videoplattform zugegangen. „Es muss ein Paradigmenwechsel bei der Gema stattgefunden haben. Deren Tarife waren ursprünglich weitaus höher als die jeder andere Verwertungsgesellschaft weltweit“, sagt der Insider. Doch auch wenn es in Deutschland recht lange gedauert habe, bis Streamingdienste wie „Spotify“ populär geworden sind, sei Youtube noch immer Marktführer. „Da kommt man als Künstler, Fan und Vertrieb nicht dran vorbei.“

Auch deutsche Musiker, die in der Gema organisiert sind, begrüßen die nun erfolgte Einigung: „Dass Komponisten, Textdichter und Verleger, die von der Gema vertreten werden, eine Beteiligung für die Nutzung ihrer Werke auf Youtube erhalten, ist eine längst überfällige Sache“, sagt der Kölner Musiker „Sparky Balboa“. Wie lohnend am Ende der neue Deal für den „kleinen-Musiker“ ist, stehe jedoch noch auf einem ganz anderen Blatt. Als Hörer und Musik-Fan sei es aber „natürlich sehr cool, sich nicht mehr mit Sperrtafeln herumärgern“ zu müssen.

Ähnlich optimistisch wertet Henri Johna, der unter dem Pseudonym „ION+“ als DJ auflegt, die nun erfolgte Einigung. Dass Musikvideos und weitere Videos mit Musikuntermalung nicht angezeigt werden konnten, sei zu keinem Zeitpunkt zeitgemäß gewesen. „Jetzt ist es Künstlern auch in Deutschland möglich, über Youtube auf sich aufmerksam zu machen und Leute zu bewegen, auf ihre Auftritte zu gehen, ohne dass sie komplett auf den Umsatz aus der Musik verzichten müssen“, sagt der Frankfurter Musiker.

Doch nicht nur Fans und Musikverlage profitieren von der neuen Rechtslage. Auch Musikpromoter sparen sich künftig eine Menge Arbeit und hoffen auf steigende Erlöse und zufriedenere Labels. „Wir arbeiten sehr viel mit internationalen Künstlern zusammen. Für die müssen wir uns in Zukunft keine anderen Kanäle mehr suchen“, sagt ein Promoter, der anonym bleiben möchte. Natürlich habe man bei der Vermarktung von Videoclips auch andere Portale wie „Vimeo“ oder „Vevo“ nutzen können. Doch da diese Dienst in der Regel keine Werbung vorschalten, sei dieser Vertriebsweg bei den Plattenfirmen äußerst unbeliebt. Da die Musikindustrie sich seit über einem Jahrzehnt in der Krise befindet und Plattenverkäufe nur noch einen Bruchteil der damaligen Einnahmen ausmachen, achten Labels bei der Platzierung von Videos inzwischen „penibel auf die Einnahmen-Komponente.“ Und hier führe kein Weg an Youtube vorbei.

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