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LG wird in die ehemalige Vodafone-Zentrale in der Alfred-Herrhausen-Allee ziehen.

Koreaner Konzern verlegt Sitz

LG zieht von London nach Eschborn

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Die Stadt Eschborn hat einen weiteren „Global Player“ für sich gewonnen. Dass LG Electronics mit mehreren hundert Beschäftigten dorthin umzieht, hat viele Gründe – das britische Referendum gegen den Verbleib in der EU gehört angeblich nicht dazu.

Während die große Finanzmetropole Frankfurt nach dem Brexit-Votum von 23. Juni lautstark um Banken und Unternehmen aus Großbritannien wirbt, kann sich das kleine, aber feine Eschborn bereits über den ersten „Insel-Flüchtling“ freuen. Wie der koreanische Konzern LG Electronics gestern mitteilte, wird er seine bislang im Londoner Raum ansässige Europazentrale nach Eschborn verlegen. Darüber hinaus sollen auch die Beschäftigten der deutschen Niederlassung in den Main-Taunus-Kreis ziehen, die bislang im nordrhein-westfälischen Ratingen ihren Sitz hat. „Mehr als 300 Mitarbeiter werden voraussichtlich an dem neuen Standort beschäftigt“, teilte LG Electronics mit. Derzeit seien allein in Ratingen rund 250 Mitarbeiter tätig, so der Hersteller von Unterhaltungselektronik, Mobilfunk- und Haushaltsgeräten. Für alle Angestellten, die dazu bereit seien, mit dem Unternehmen umzuziehen, blieben die Arbeitsplätze bestehen, hieß es.

Diese Arbeitsplätze werden sich in der Landmark-Immobilie in der Alfred-Herrhausen-Allee befinden – in der einstigen Vodafone-Zentrale. Dort hat LG für zehn Jahre rund ein Viertel der 9500 Quadratmeter großen Bürofläche gemietet, wie der Eigentümer, der Büro-Immobilien-Investor Publity, mitteilte. Das Gebäude steht leer, seitdem Vodafone im Herbst 2014 seinen neuen Firmensitz im Eschborner „New Wave“ bezogen hat. Die ersten LG-Beschäftigten sollen Ende 2016 in der Alfred-Herrhausen-Allee einziehen; der gesamte Umzug wird voraussichtlich im Frühjahr 2017 abgeschlossen sein.

Der Brexit ist laut LG allerdings nicht der Grund für den Umzug. „Er steht in keinem Zusammenhang mit der Entscheidung Großbritanniens, die EU zu verlassen“, betonten die Koreaner. Der Umzug sei bereits im Frühjahr 2016 beschlossen worden, hieß es. Nun hatte zwar bereits Ende vergangenen Jahres festgestanden, dass die Briten im Juni über den Verbleib in der EU abstimmen. Aber tatsächlich hatte LG auch schon im vergangenen April angekündigt, „in den Raum Frankfurt“ umziehen zu wollen – bevor sich die Untertanen Ihrer Majestät zur allgemeinen Überraschung für die Scheidung aussprachen.

In seiner gestrigen Mitteilung nennt der Präsident von LG Europe, Wane Park, denn auch eine ganze Reihe anderer Gründe für die Zusammenlegung der Geschäfte in der Rhein-Main-Region: Von der starken deutschen Binnenkonjunktur ist da die Rede, von der „hervorragenden Infrastruktur mit großem Flughafen und sehr guter Anbindung an Fernzug-Strecken und Autobahnen“; auch die „großen, relevanten Messen“, die LG künftig besser bedienen könne, werden als Grund angeführt. Zudem preist Park die „wesentlichen Wachstumsmöglichkeiten“, welche die Region für die Geschäftsfelder des LG-Konzerns biete. Und dazu gehören neben denen von LG Electronics auch jene anderer LG-Konzernschwestern – beispielsweise der LG Chemie und der LG Innotec, die bereits mit kleineren Einheiten in Rhein-Main vertreten sind. Die produzieren neben Solar-Pannels vor allem Güter für die Automobil-Industrie, auch für die deutsche. So zählt LG neben Panasonic zu den weltweit führenden Produzenten von Batterien für Elektro-Autos. Dem Daimler-Konzern liefert LG Kameras für Notbrems- und Fußgänger-Warnsysteme sowie autonomes Parken. Auch die Infotainment-Systeme der Koreaner sind bei den Auto-Herstellern verbreitet. Und mit Volkswagen hat LG vor wenigen Wochen den gemeinsamen Bau einer Plattform für digital vernetzte Autos beschlossen.

Viele Argumente also, die für Deutschland im Allgemeinen und die Rhein-Main-Region im Besonderen sprechen – zumal auch die großen koreanischen Autobauer Kia und Hyundai hier ihre Europa-Zentralen haben. Aber es sind Pfunde, mit denen die Stadt Frankfurt ebenfalls wuchern könnte – und dem Vernehmen auch gegenüber LG gewuchert hat: Die Main-Metropole war laut Insidern lange im Rennen um den LG-Sitz. Dass sie gegen Eschborn wieder einmal das Nachsehen hat, dürfte erneut an dem dort niedrigeren Gewerbesteuersatz liegen. Zwar hat sich da die Schere etwas geschlossen, nachdem sich Eschborn aufgrund der Auswirkungen des Kommunalen Finanzausgleichs gezwungen sah, zu Jahresbeginn den Hebesatz von 280 auf 330 Prozent zu erhöhen. Aber bei einem Frankfurter Satz von 440 Prozent müssen Unternehmen dort immer noch deutlich mehr Steuern zahlen. Wie stark dieser Kosten-Unterschied bei ihrer Entscheidung ins Gewicht gefallen ist, wollte LG gestern allerdings nicht verraten. „Bei der Suche nach dem neuen Standort gab es 15 Bewertungskriterien“, hieß es auf Anfrage, „die niedrige Gewerbesteuer ist eins davon.“

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